Gewalt im häuslichen Pflegesetting bekämpfen

L 10 · Fraktionsantrag · 21. Sitzung

Berichterstatter:

Ergebnis:angenommen

Zusammenfassung

KI Generiert

Gewalt im häuslichen Pflegesetting und die Überforderung pflegender Angehöriger stehen im Mittelpunkt. Als Hintergrund werden Fälle schwerer Gewalt in Pflegesituationen, Hinweise auf unerkannte Tötungen sowie fehlende Schulung im Gesundheitsbereich und unzureichende Betreuungs- und Pflegeplätze genannt. Gefordert werden eine rund um die Uhr erreichbare Anlaufstelle für Krisen, sofortige Unterstützung vor Eskalationen, mehr Schulung für Gesundheitspersonal und eine breitere Information der Bevölkerung. In Linz sollen alle Organisationen mit Beratungsangeboten für pflegende Angehörige zu einem gemeinsamen Gespräch über das Ausmaß der wahrgenommenen Gewalt eingeladen werden, um wirksame Nothilfemaßnahmen zu entwickeln. Die Kosten sollen durch Umschichtung im Budget bedeckt werden; die Zuweisung an den Ausschuss für Generationen, Soziales und Sport wurde einstimmig angenommen.

Schlagwörter (10):häusliche pflegegewaltpräventionpflegende angehörigekrisenhilfegesundheitspersonalüberforderungsozialberatungaltersgewaltpflegebedürftigkeitgenerationen
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Nach einem ein bisschen launigen Kommentar kommen wir jetzt zu etwas ganz anderem. Wir haben nicht nur in der häuslichen Pflege ein gewaltiges Problem, aber heute lege ich den Fokus einmal speziell auf dieses Thema. Ich möchte Ihnen eine Situation darstellen, die manchmal nicht so ganz an die Oberfläche kommt oder sich nicht so ganz in den Medien abbildet, wie es eigentlich die Wucht dieser Ereignisse gebieten würde. Im Februar gab es knapp hintereinander zwei Fälle - in Zell am Ziller und in Lilienfeld - wo Männer ihre Frauen erschossen und dann Suizid begangen haben. Beide Male gibt es starke Hinweise, dass Pflegeprobleme und Überforderung die Motive für diese Taten waren. Wir sehen auch in der österreichischen Kriminalstatistik, da haben wir heute schon Anklänge dazu gehört, dass Frauen, insbesondere über 65, massiv von Gewalt betroffen sind. Also auch wieder eine Altersproblematik oder Hilflosigkeitsproblematik. Dann haben wir wahrscheinlich alle mit Entsetzen den Fall verfolgt, wo ein Vater ein behindertes Kind getötet hat, mutmaßlich auch aus Überforderung mit der Situation. In einem anderen Fall hat ein Sohn die pflegebedürftigen Eltern getötet. Dieser Mann ist kürzlich aus der Haft entlassen worden und sagt in einem Interview mit der Kronen Zeitung - und das finde ich ganz schrecklich und furchtbar: ‚Ich wollte ihnen einfach nicht mehr beim Leiden zusehen müssen.‘ Universitätsprofessorin Andrea Bertslanovic vom Zentrum für Gerichtsmedizin der Medizinischen Universität sagt, dass Gewalt an Frauen zu den häufigsten Menschenrechtsverletzungen gehört, auch in Bezug auf Pflege. Gleichzeitig ist es so - ein Sidestep, aber ein wichtiger Sidestep -, dass von 1984 bis 2018 die Obduktionen in Österreich um 72 Prozent reduziert worden sind. Ich habe auch mit Totenbeschauärzt*innen gesprochen, die sagen, dass sie manchmal privat eine Obduktion zahlen, damit sie draufkommen, woran die Leute eigentlich verstorben sind. Experten gehen sogar davon aus, dass jede dritte Tötung nicht erkannt wird. Da dürften wir im Bereich der alten Menschen ganz vorne mit dabei sein. Noch ein Aspekt: Wir in den Krankenhäusern sind gar nicht geschult, Vernachlässigung oder häusliche Gewalt wirklich zu erkennen. Manchmal hat man das Gefühl - irgendetwas passt da nicht. Dass die Medikamente nicht gegeben worden sind, das können wir nachweisen im Blut. Aber uns fehlt die Kompetenz, wirklich nachzufragen. Selbst wenn wir draufkommen würden, dass jemand vernachlässigt wird oder Übergriffe passieren, was sollen wir denn anbieten? Wir haben die Betreuungsplätze und Pflegepersonen nicht in dem Ausmaß, wie wir sie brauchen würden. Es gibt regelmäßige Berichte der nationalen Anti-Folter-Behörde, was sich draußen in der häuslichen Pflege an Gewalt abspielt. Wenn man einen Brief an die Volksanwaltschaft schreibt, dann heißt es dort: ‚Wir bedauern, dass wir Ihnen da keine Lösungen anbieten können, aber vielleicht wird das Pflegegeld endlich bewilligt.‘ Genau. Und dann haben wir dort wieder das Problem, das ich in der letzten Gemeinderatssitzung schon angesprochen habe, nämlich, dass das dann nicht hoch genug ausfällt, dass man wenigstens keine finanziellen Sorgen hat, wenn man schon ein pflegender Angehöriger ist. Pro Senectute bietet ein Beratungstelefon zum Thema Gewalt und Alter an, aber nur sehr zeitlich beschränkt. Der Verein belegt in umfangreicher Literatur, wie hoch das Ausmaß der Gewalt im häuslichen Setting ist. Für Angehörige werden Abende angeboten, wo man im geschützten Bereich sagen kann, was man will und was einem auf dem Herzen liegt. Angehörige berichten dann, so ähnlich wie der Mann, den ich gerade zitiert habe: ‚Ich mache Übergriffe gegenüber meiner pflegebedürftigen Frau, weil ich völlig überfordert bin und ich hasse mich dafür.‘ Das sind strafrechtlich relevante Sachen, die berichtet werden, aber die eigentlichen Helfer*innen sind auch hilflos, denn was sollen sie anbieten? Im Internet gibt es zwar viele Anlaufstellen für pflegende Angehörige, aber die meisten Angehörigen sind in einem Alter, in dem sie von der Nutzung des Internets als Informationsquelle schon ausgeschlossen sind. Außerdem sind die Beratungsstellen an Feiertagen, Wochenenden und nachts nicht erreichbar. Letztlich ist man - auch nach dem einfühlsamsten Beratungsgespräch - wieder allein daheim, in einer belastenden Pflegesituation. Es braucht eine rund um die Uhr besetzte Anlaufstelle für pflegende Angehörige in Krisensituationen und sofortige Hilfe bzw. Unterstützung in der Pflegesituation, bevor Gewaltübergriffe passieren. Gesundheitspersonal braucht Schulung und Information in Bezug auf das Erkennen und Ansprechen von Anzeichen von Gewaltübergriffen gegenüber Pflegebedürftigen. Zudem braucht es eine breite Information der Bevölkerung, damit pflegende Angehörige auch von den Angeboten zur Unterstützung erfahren.
BeschlussformelEinblendenAusblenden
Der Gemeinderat beschliebe: Die ressortzuständige Frau Vizebürgermeisterin Hörzing möge sämtliche Organisationen, die in der Stadt Linz Beratungen für pflegende Angehörige anbieten, zu einem gemeinsamen Gespräch zum Ausmaß der wahrgenommenen Gewalt gegenüber Pflegebedürftigen einladen. Gemeinsam mögen wirkungsvolle Maßnahmen zur Nothilfe in akuten Überlastungssituationen von pflegenden Angehörigen entwickelt werden. Die Bedeckung der Kosten soll durch Umschichtung im Rahmen des Budgets erfolgen.
Wortmeldungen (2)EinblendenAusblenden

Danke schön. Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren. Häusliche Gewalt ist leider ein Thema, das in den Medien vermehrt sehr präsent ist. Die besonderen Herausforderungen in der häuslichen Pflege bedingen die Gewalt im persönlichen Nahraum, wie es in der Literatur heißt, im Kontext der Pflegebedürftigkeit. Pflegende Angehörige erledigen die häusliche Pflege. Wir wissen das ältere Menschen gerne länger zuhause bleiben und nicht in Heime ausweichen und wir sind in der guten Lage das eigentlich sehr viele Angehörige ihre pflegebedürftigen Familienmitglieder pflegen. Wir haben jetzt die Situation, dass über 60-jährige die Hochbetagten pflegen. Dass diese Menschen teilweise sehr überfordert sind und Hilfestellungen brauchen, ist klar. Internationale Studien sprechen sogar davon, dass 18 Prozent der über 60-jährigen häuslicher Gewalt in der Pflegesituation ausgesetzt sind. Die Zahlen gehen in die Höhe. Manche Literatur spricht schon von 20 bis 30 Prozent häuslicher Gewalt an zu Pflegenden. Die Problematik der Gewalt in der häuslichen Pflege liegt in vielen Bereichen. Wie angesprochen wurde, geht es um das Erkennen durch das Pflegepersonal und durch Leute die den Kontakt haben und vielleicht etwas Einblick in die Situation haben. Es hängt auch von der Mitteilungsfähigkeit der zu Pflegenden ab, außerdem schränkt die Abhängigkeit natürlich enorm ein. Zu diesem Themenfeld braucht es Information und Aufklärung in der Öffentlichkeit, mit der alte Menschen selbst und alle im professionellen Bereich der Medizin und Pflege Tätigen angesprochen werden. Ich glaube schon, dass es zu den jetzigen Tatenlagen zusätzlichen Informationen aus der Praxis braucht. Es müssen zusätzliche Informationen für handlungsanleitende Möglichkeiten, Prävention und Intervention geboten werden. Aus diesen Gründen ersuche ich, um Zuweisung an den Ausschuss für Generationen, Soziales und Sport, um diesem Thema die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken.

Danke für die wertvollen Ergänzungen Kollegin Schütz. Ich bitte auch die anderen Fraktionen um Zustimmung zur Zuweisung. Danke schön.

Abstimmungsergebnis

Ergebnis: angenommen

Die Zuweisung des Antrages an den Ausschuss für Generationen, Soziales und Sport wird einstimmig angenommen.