Gewalt im Alter - Mehr Respekt am Pflegebett

G 1 · Fraktionsantrag · 28. Sitzung

Berichterstatter:

Ergebnis:ausschuss verwiesen

Zusammenfassung

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Gefordert wird eine mehrstufige Strategie und Kampagne gegen Gewalt im Alter, die das Thema stärker in der Öffentlichkeit verankert und pflegenden Angehörigen einen klaren Zugang zu Hilfsangeboten eröffnet. Im Mittelpunkt steht die häusliche Pflege, in der ältere, pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen besonders belastet und gefährdet sind. Als Begründung werden die hohe Bedeutung der Angehörigenpflege, die Überforderung in Pflegesituationen sowie die Notwendigkeit von Prävention, Sensibilisierung und niederschwelliger Unterstützung genannt. Zugleich wird auf bestehende Strukturen und ein laufendes Linzer Projekt zur Hilfestellung im Anlassfall verwiesen, dessen Erkenntnisse für die Stadt relevant sein sollen. Die Finanzierung soll durch Umschichtung im Budget erfolgen; die Zuweisung an den Ausschuss für Generationen, Soziales und Sport wurde einstimmig angenommen.

Schlagwörter (10):gewalt im alterpflegepflegende angehörigehäusliche pflegepräventionsozialpolitikgewaltschutzdemenzfrauengesundheit
AntragstextEinblendenAusblenden
„Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, der vorliegende Antrag ist relativ detailliert ausgearbeitet. Ich möchte aber ergänzend dazu persönliche Worte und vor allem meine Beweggründe abgeben. Gewaltbereitschaft und der Verlust von Hemmschwellen sind eine Herausforderung, mit der die Gesellschaft zunehmend in vielen Lebensbereichen konfrontiert ist. Vieles ist sehr dramatisch und medial öffentlich aufbereitet, aber vieles passiert sehr leise, aber oft nicht weniger dramatisch. Dort, wo wenig oder kaum Widerstand geleistet werden kann, zum Beispiel bei abhängigen, pflegebedürftigen Personen, passiert genau diese leise Gewalt. Im April des Vorjahres veranstaltete die Fachhochschule Oberösterreich einen Informationstag zum Thema ‚Alt. Gewalt. Was tun?!‘. Dieser war in kürzester Zeit ausgebucht, das Interesse an einschlägigen Vorträgen und Inputs war überwältigend, die Berichte und Studien waren bewegend, erschütternd, aber auch mahnend. Vieles wird im Bereich der Vermutung belassen. Es gibt in ganz Österreich 27 Gerichtsmediziner*innen, die Hälfte davon ist bereits über 60 Jahre alt. Anlässlich dieser Veranstaltung wurde meine Frage nach möglicher Prävention von einer Vortragenden nach einer kleinen Pause mit den klaren Worten beantwortet: ‚Bewusst machen, hinsehen und etwas tun.‘ Das heißt, es geht in erster Linie um Prävention. Dazu gehören Meinungen, Einstellungen und auch das Wissen zu diesem Thema. Jede Maßnahme allgemeiner Öffentlichkeitsarbeit kann vermitteln, dass Gewalt an älteren Pflegebedürftigen nicht passieren darf. Ich gebe Ihnen einige Zahlen dazu: Die Pflege der Menschen erfolgt zu fast 80 Prozent durch Angehörige in häuslichen Settings und davon sind 70 Prozent Frauen. In Oberösterreich sind pflegende Angehörige, die Hochbetagte pflegen, zu circa zwei Drittel bereits selbst im Pensionsalter. Das sind die Fakten, die Gültigkeit haben. Pflege durch Angehörige ist der Pflegedienst der Nation, wenn man die Verhältniszahlen zwischen Fremdbetreuung und Angehörigenbetreuung betrachtet. Das heißt, es gilt diese pflegenden Angehörigen zu unterstützen und sie mit Hilfestellung unterschiedlicher Organisationen zu ermächtigen, diesen Pflegealltag zu bewältigen. Es ist eine Voraussetzung, damit diese Herausforderung auch künftig zu bewältigen sein wird. Es gibt auch Anlaufstellen und Hilfe im Anlassfall. Derzeit läuft in Linz ein Projekt zur Hilfestellung im Eintrittsfall, das mit 1. Oktober 2023 begann und bis 2026 anberaumt wurde. Noch heuer ist eine Exploration vorgesehen. Das Projekt heißt ‚Netzwerk Refugium‘ und wird im Sinne des Case-Managements bearbeitet. Hier sind neben mittel- und langfristigen Interventionen auch Sofortinterventionen möglich. Zur Erkenntnisgewinnung und zum Einbau möglicher Strukturen arbeitet dieses Projekt in Kooperation mit Polizei, Pflegeeinrichtungen und anderen Organisationen. Die erhobenen Daten und Erkenntnisse werden daher exakt für die Stadt Linz von Relevanz sein. Ich bitte um Zustimmung."
BeschlussformelEinblendenAusblenden
Die für soziale Angelegenheiten zuständige Vizebürgermeisterin Karin Hörzing wird beauftragt, eine mehrstufige Strategie und Kampagne mit den zuständigen Stellen der Stadt Linz, des Landes Oberösterreich und dem Bund auszuarbeiten, welches das Thema ‚Gewalt im Alter‘ gesellschaftlich präsenter macht und den pflegenden Angehörigen einen einfachen und klaren Weg zu konkreten Hilfsangeboten bietet. Die Bedeckung der Kosten soll durch Umschichtung im Rahmen des Budgets erfolgen.
Wortmeldungen (4)EinblendenAusblenden

Meine sehr geehrten Damen und Herren, werte Kolleginnen und Kollegen, nachdem wir auch noch einen weiteren Tagesordnungspunkt zu diesem Thema haben, schlage ich vor, diesen Antrag dem Ausschuss für Generationen, Soziales und Sport zuzuweisen. Ich bin sehr überzeugt, dass dieses Thema in Zukunft ein sehr wesentliches sein wird, mit dem wir uns beschäftigen müssen. Ich glaube aber trotzdem, dass einige Beratungen und Informationen dazu gut im Ausschuss getätigt werden können. Ich möchte auch festhalten, dass seitens des Landes Oberösterreichs eine Pflegestrategie unter dem Thema ‚Betreuungsarchitektur 2040‘ ausgearbeitet wird. Gestern hat dazu eine Auftaktveranstaltung stattgefunden, wo gerade dem Thema pflegende Angehörige, und diesem Spektrum – das natürlich auch Gewalt umfasst – ein wesentlicher Raum gegeben worden ist. Trotzdem schlage ich vor, diesen Antrag dem Ausschuss zuzuweisen.

Sehr geehrte Frau Kollegin Schütz, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Frau Vorsitzende, Sie können sich denken, dass ich mir für diesen Antrag die Expertise unserer Kollegin und Pflegeexpertin Renate Pühringer eingeholt habe, die das Thema ‚Gewalt im Pflegebereich‘ hier im Haus auf die Agenda gesetzt hat. Wir freuen uns, dass Sie, Frau Schütz, die ÖVP und auch später die SPÖ in ihrem Antrag das Tabuthema Gewalt in der Pflege auch in die Öffentlichkeit tragen. Ich melde mich jetzt aber vor allem zu Wort, da wir die Probleme klar unterscheiden müssen. Pflege erfordert Präzision. Ich bitte Sie jetzt für dieses sehr wichtige Thema nur um ein paar Minuten Geduld und Aufmerksamkeit. Im vorliegenden Antrag werden viele Missstände im Bereich Pflege benannt, aber die Pflege in Langzeiteinrichtungen und jene im häuslichen Setting werden hier vermischt. Das ist aus unserer Sicht nicht zielführend, da für eine gute Lösung beide Bereiche differenziert betrachtet werden müssen. Im Bereich der institutionellen Langzeitpflege gibt es genug Anlaufstellen, die bei Verdacht von Gewalt kontaktiert werden können. Auch die fachliche Qualifikation der Pflegepersonen und die Führungsstrukturen schaffen Qualität in der Pflegearbeit. Die Ausbildung der Pflegekräfte beinhaltet auch die Schärfung der Aufmerksamkeit in Bezug auf Gewalt. Pfleger*innen in den Häusern üben zwar einen sehr belastenden Beruf aus, verfügen aber im Bedarfsfall über Möglichkeiten der Supervision und sind in eine unterstützende Teamstruktur eingebunden. Frau Schütz, Sie haben es schon erwähnt, im häuslichen Pflegesetting stellt sich die Situation aber anders dar. Die meisten pflegenden Angehörigen haben keine pflegerische Ausbildung. Es fehlen ihnen viel zu oft unterstützende Netzwerke und auch Pausen, die sie von der Care-Arbeit benötigen, werden ihnen schwer ermöglicht. Dazu kommt dann fehlender Schlaf, was die Situation noch verschärft. Pflegende Angehörige sind selbst älter oder gesundheitlich angeschlagen. Oft ist es auch so, dass die familiäre, intime Beziehung die Sache nicht leichter macht. Gewalt im häuslichen Pflegesetting ist also verbreiteter, als wir vermuten. Oft ist auch nur die Spitze des Eisbergs bekannt. Man muss genauer hinschauen, um erschreckende Realitäten zu erkennen. Ich habe hier das Nachrichtenmagazin Profil von Ende 2024, das über 25 getötete Frauen in Österreich berichtet. Zumindest neun dieser Frauen waren pflegebedürftig und wurden von ihren Partnern ermordet. Dies geschah meist nach langer Krankheit und Abhängigkeit vom Partner oder den pflegenden Angehörigen. Mehr als ein Drittel der Morde an Frauen erfolgt also wegen Überforderung der pflegenden Angehörigen im häuslichen Pflegesetting. Dieses Thema ist nicht abstrakt oder passiert irgendwo, denn eine dieser Frauen ist auch in Linz ermordet worden. Das sind offizielle Zahlen. Bekannt sind allerdings hauptsächlich die Morde von Männern an ihren pflegebedürftigen Partnerinnen, die meist mit ein bisschen sichtbarer Gewalt passieren. Gewalt von Frauen an ihren pflegebedürftigen Männern geschieht leiser, durch Vernachlässigung, Entzug von Nahrung, Flüssigkeit und Medikamenten. Diese Fälle schaffen es nicht in die Statistik, geschweige denn an die Öffentlichkeit, da sie gar nicht als Tötungsdelikte erkannt werden. Eine mögliche Erklärung zu dieser hohen Dunkelziffer - das habe ich aus einem Artikel des Kurier - ist die stark gesunkene Anzahl der Obduktionen in Österreich. Während 1984 noch 30.700 Obduktionen durchgeführt wurden, waren es 2017 nur noch 8.913. Expert*innen gehen davon aus, dass dadurch in Österreich mindestens 20 Morde pro Jahr unentdeckt bleiben, weil die Obduktion nur noch bei eindeutigen Anzeichen für Fremdverschulden angeordnet wird. Das ist besonders alarmierend, da es vermutlich auch sehr viele Fälle im Pflegesetting betrifft. Wir unterstützen also alle Maßnahmen, die im erklärenden Text des Antrags der ÖVP als Strategie gegen Gewalt im Alter vorgeschlagen werden. Doch zwischen Pflege in Langzeiteinrichtungen und im häuslichen Setting muss einfach ganz klar unterschieden werden. Unseres Erachtens sollte der Fokus auf der häuslichen Pflege liegen. Das heißt, um Gewalt im Alter möglichst zu vermeiden, müssen vor allem pflegende Angehörige umfassend unterstützt und entlastet werden. Das sollte, aus unserer Erfahrung, einerseits durch eine deutliche Erhöhung des Pflegegeldes passieren, damit überlastende pflegende Angehörige sich den Zukauf von Pflege oder anderen entlastenden Diensten, wie zum Beispiel einer Reinigung, überhaupt leisten können. Andererseits sollte dann eine Evaluierung der Pflegegeldeinstufungsprozesse stattfinden, da zu oft einfach zu niedrig eingestuft wird. Hier muss der Bund regulierend und deeskalierend eingreifen. Demenzerkrankungen müssen im Pflegegeld endlich vollumfänglich anerkannt werden. Behörden aller Ebenen müssen sich als Unterstützerinnen der pflegenden Angehörigen begreifen lernen. Bürokratische Hürden gehören abgebaut. Es gehört unverzüglich gestoppt, dass pflegende Angehörige, die sich hilfesuchend an Behörden wenden, unter Druck gesetzt werden. Bei allen Überlegungen, die den Bereich Pflege betreffen, muss die Politik endlich Expertinnen und Experten aus der Pflege miteinbeziehen, da viele Maßnahmen in der Praxis nicht greifen. Meine Kollegin Renate Pühringer steht hier mit ihrer Expertise und ihrer Erfahrung zur Verfügung. Wir stimmen dem Antrag zu.

Vera Schachnerehem. MFG-Mitgl.

Danke, sehr geehrte Frau Vizebürgermeisterin, sehr geehrte Damen und Herren. Gewalt an älteren Menschen hat viele Gesichter. Sie reicht von körperlicher Gewalt und psychischen Misshandlungen, wie der Einschränkung des freien Willens über einen entwürdigenden Umgang bis zu respektloser Kommunikation. Gewalt gegen ältere Menschen kommt sowohl im öffentlichen Raum als auch in Institutionen und innerhalb der Familie vor. Dies geschieht vielfach unbemerkt oder wird nicht als Gewalt betrachtet. Nur wenige ältere Gewaltopfer suchen Hilfe, da sich viele für ihre Opferrolle schämen. Ältere, pflegebedürftige Menschen sind besonders gefährdet, Gewalt zu erfahren. Sie sind auf Pflegende angewiesen und können sich schlecht wehren. Insbesondere Menschen mit Demenz können hiervon stark betroffen sein, da sie sich aufgrund ihrer Krankheit an die Vorkommnisse nicht erinnern oder das Erlebte nicht mehr in Worten wiedergeben können. Die Versorgung von Menschen mit Demenz ist für die Pflegenden teilweise sehr herausfordernd. Aufgrund dessen kann es zu Überforderung und Aggressionen kommen, die auch in körperlicher Gewalt münden können. Diverse Maßnahmen zur Gewaltprävention wurden bereits aufgelistet. Ich werde diesem Antrag zustimmen.

Sehr geehrte Vorsitzende, sehr geehrte Frau Schütz, sehr geehrte Kolleg*innen im Saal und liebe Gäste auf der Galerie und zu Hause. Die Sensibilisierung der Bevölkerung für das Thema Gewalt im Alter und bei der Pflege, sowie für Maßnahmen zur Verringerung sind grundsätzlich sehr zu begrüßen. Eine wichtige Ergänzung muss hier unbedingt noch gemacht werden. So wie generell Gewalt nicht geschlechtsneutral ist, ist sie es auch im Alter nicht. Kollegin Schütz hat es bereits erwähnt: Es sind hauptsächlich Frauen, welche die unbezahlte Pflege zu Hause übernehmen. Auch die Pflegekräfte in den Alten- und Pflegeheimen sind zu einem überwiegenden Teil Frauen. Wir haben vorhin schon von Gemeinderätin Piovesan gehört, dass Frauen über 60, die von ihren Partnern gepflegt werden, besonders gefährdet sind, Opfer von Femiziden zu werden. Darauf machte letzte Woche auch eine Pressekonferenz des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser und des Dachverbands für Männer-, Burschen-, und Väterarbeit in Österreich aufmerksam. Da gibt es ganz neue Zahlen. Die Spitze des Eisbergs dieser Gewalt, wenn Altersdiskriminierung und geschlechtsspezifische Gewalt zusammenfallen, ist der Femizid. 2024 wurden in Österreich 27 Frauen von Männern aus ihrem direkten Umfeld, vom Partner oder Ex-Partner ermordet, weil sie Frauen sind. Bei mehr als 50 Prozent dieser Femizide wurden Frauen über 60 Jahren auch von einem Mann aus ihrem direkten Umfeld ermordet. Risikofaktoren für Gewalt aufgrund des Geschlechts und des Alters sind Pensionierung - dadurch knappere finanzielle Mittel -, die finanzielle Abhängigkeit der Frau vom Mann und die Überforderung des Mannes mit der Pflege zu Hause. Die Gefahr steigt bei einem Trennungswunsch der Frau besonders eklatant. Das ist übrigens leider bei allen Altersgruppen so. Gewalt gegen ältere Frauen findet oft versteckt statt. Erst vergangene Woche warnten die Autonomen Österreichischen Frauenhäuser, dass Frauen über 60 deutlich seltener Beratungsangebote sowie die Frauenhelpline in Anspruch nehmen. Nur rund zwei Prozent der Bewohnerinnen in den Autonomen Österreichischen Frauenhäusern zählten im Durchschnitt in den letzten zehn Jahren zu dieser Zielgruppe. Für diese Gruppe braucht es bei Angeboten zu Gewaltschutz eine bessere Erschließung. Um Gewalt zu verhindern, werden männenspezifische und altersspezifische Präventionsprogramme benötigt. Pflegende männliche Angehörige sind spezifisch anzusprechen und bei den Maßnahmen und Kampagnen zu Gewalt im Alter unbedingt mitzudenken. Danke.

Abstimmungsergebnis

Ergebnis: ausschuss verwiesen

Die Zuweisung des Antrages an den Ausschuss für Generationen, Soziales und Sport wird einstimmig angenommen.